Italien mal ganz anders

Zwei Wochen in einer italienischen Tierklinik mitarbeiten. „Das klingt gut“ dachten wir und flogen am 31.03.2008 nach Neapel. Wir - das sind Patricia, Lena und Sabrina, drei Veterinärmedizinstudentinnen an der Freien Universität Berlin im 8. Semester.

Dorothea Friz (kurz „Doro“), eine deutsche Tierärztin und Inhaberin der Klinik, holte uns vom Flughafen Neapel ab. Wir fuhren eine knappe Stunde bis wir das abgelegene Gelände der Klinik in Castel Volturno erreichten und vom lauten Gebell der Hunde empfangen wurden. Es war bereits spät am Abend und wir verzogen uns völlig geschafft von der Anreise, in den uns zu Verfügung gestellten Bungalow.

Am nächsten Morgen führte Doro uns über das Gelände. Im angegliederten Tierheim sind etwa 50 Hunde in Gruppen mit großen Ausläufen untergebracht und noch mal so viele Katzen, welche allerdings allesamt ein Freigängerdasein genießen können. Nach der Besichtigung des Geländes wurden wir den dortigen Tierärzten Gigi, Giuliano (Italiener) und Lorenzo (Afrikaner), kurz vorgestellt. Doch zum Kennenlernen blieb uns an diesem Morgen gar nicht viel Zeit, denn sobald das Hoftor aufgeschlossen wurde, begann ein geschäftiges Treiben auszubrechen. Zu unserer Aufgabe gehörte es nun, die Operationstische vorzubereiten, den Tieren die Prämedikation für die Narkose zu verabreichen, sie zu intubieren, einen Venenzugang zu legen und bei Bedarf Blut zu entnehmen. Bei den Kastrationen durften wir dann assistieren. Wieviel man selbständig machen kann, hängt maßgeblich von den eigenen Vorkenntnissen ab. Wir waren Anfänger in jeder Hinsicht. Nicht alles klappte auf Anhieb, was auch nicht immer auf Begeisterung stieß. Trotzdem verlor keiner die Geduld mit uns. Während des 14-tägigen Praktikums haben wir auch eine Menge an praktischen Dingen gelernt. Immerhin können wir die Intrakutan- und Hautnähte setzen, Kater und Rüden alleine kastrieren und bei weiblichen Tieren unter Aufsicht einzelne Schritte der Kastration durchführen.

Zwischen 14 und 15 Uhr nahmen wir gemeinsam das von Ina köstlich zubereitete Mittagessen ein. Nachmittags fanden in der Regel keine Operationen mehr statt. Entweder wir begleiteten die Tierärzte während der Sprechstunde, in der wir zum Teil Dinge und Krankheitsbilder zu Gesicht bekamen, die man in Deutschland nicht in solch einem Ausmaß erleben würde. Dazu gehörten völlig verwahrloste, mit Zecken übersäte Hunde, einmal sogar mit abgefressener Lefze (Diese Tiere haben wohl bemerkt zum Teil einen Besitzer!!), Zwingerhusten, Leishmaniose und den Staupetick um nur einiges zu nennen. Oder wir untersuchten Kotproben auf Parasiten, erledigten allgemeine Aufräum- und Putzarbeiten oder beschäftigten uns mit den Hunden.

Mit den drei angestellten Tierärzten verständigten wir uns auf Englisch, was vor allem bei Lorenzo oft zu lustigen Missverständnissen führte. Er erteilte immer sehr schnelle und teils auch mit italienisch gemischte Anweisungen, die wir manchmal nicht auf Anhieb verstanden. Er wiederholte sie aber gern.

So weit so gut. Aber auch die negativen Erlebnisse unseres Aufenthaltes wollen wir Euch nicht vorenthalten:

Wie bereits eingangs erwähnt, liegt das Gelände abseits und ist umschlossen von einem großen Zaun und einem ebenso mächtigem Tor. Doro bat uns gleich zu Beginn, dass wir das Gelände keinesfalls allein verlassen dürften, weil dies zu unsicher sei. Und ehrlich, auch bei Tage aus dem Auto machte die Gegend dort keinen guten Eindruck auf uns. Alles etwas heruntergekommen, dreckig und überall boten sich die Prostituierten am helllichten Tage auf offener Straße an. Also keinesfalls das Italien, was man aus dem Urlaub kennt.

Privathunde laufen hier einfach frei an der Straße herum, weil man zu bequem zum Gassi gehen ist. Erste Läufigkeit, Trächtigkeit oder das „nicht mehr niedlich sein“ sind häufige Gründe, warum Hunde und natürlich auch Katzen hier ausgesetzt werden und so auf der Straße landen.

Freiwillige Helfer fangen diese Straßentiere ein, bringen sie in die Klinik in der sie dann kastriert werden. Nach der OP bleiben die Hunde in der Regel noch eine Woche dort. In dieser Zeit werden sie gegen Zecken, Flöhe und Würmer behandelt und ausgiebig mit Futter versorgt. Anschließend werden sie wieder an der Stelle ausgesetzt wo sie gefunden wurden. Auch unser Ausflug nach Neapel war eine große Enttäuschung. Das was wir von der Stadt sahen war schäbig und dreckig und natürlich liefen auch hier die Hunde in den Straßen umher. Sie gehören zum Stadtbild wie in Berlin die Tauben. Die Italiener reagieren gar nicht auf sie. Besonders schockierend fanden wir ein kleines Rudel Hunde, das durch einen kleinen Park lief. Das letzte Tier lahmte hochgradig und konnte mit seinen „Leidensgenossen“ gar nicht mithalten. In Metro-Eingängen liegen Hunde und lecken sich im Schatten ihre Wunden. An der Bushaltestelle (an der übrigens keine Abfahrtzeiten stehen, weil die Busse sowieso kommen wann sie wollen!) wanderte ein süßer Schäferhundmischling durch die wartende Menge, aber auch er bekam keinerlei Aufmerksamkeit. Das alles machte uns sehr traurig und wir wollten gar nichts mehr von Neapel sehen.

Ich (Sabrina) möchte hier noch etwas erzählen, was mir wohl immer in Erinnerung bleiben wird: Eines Morgens teilte ein Anrufer der Klinik mit, dass im Ort ein Hund in einem Hauseingang liege und sich nicht mehr bewegen könne. Lorenzo und ich fuhren hin. Ganz allein auf einer alten Wolldecke lag ein großer zotteliger Hund. Netterweise hatte man ihm eine Schüssel Wasser hingestellt. Lorenzo schaute dem Tier ins Maul und nicht nur an den fehlenden Zähnen war zu erkennen, dass dieser Hund schon ein hohes Alter erreicht hatte. Ein Griff zum Unterbein zeigte uns das ganze Drama: es war gebrochen. Der sich für den Hund „zuständig fühlende“ Herr kam und begann mit Lorenzo zu reden. Es wurden immer mehr Leute, die sich plötzlich für das Schicksal des Hundes interessierten. Lorenzo erklärte, dass der Hund eingeschläfert werden müsse, was für alle Beteiligten für ihren „geliebten“ Hund nicht in Frage kam. Aber auch keiner wollte mit ihm nach Neapel fahren und ihn dort in eine Klinik bringen, die derartige Operationen durchführt. Es waren wohl beinahe 10 Italiener um uns herum und ich bekam ehrlich Angst, dass es zu einem Handgemenge kommen würde, denn es wurde immer lauter. Wer weiß, wann der Hund sich das Bein gebrochen hatte und wie lange er da schon so lag. Aber das war den Herrschaften aus dieser Straße egal. Er gehöre zu dieser Straße und werde von allen umsorgt und man wolle sich einfach nicht von ihm trennen, erklärten sie immer wieder. Unvorstellbar, dass sie ihm lieber beim Sterben zuschauten, als ihn zu erlösen. Letzten Endes mussten wir unter lauten Beschimpfungen das Feld räumen und den Hund dort lassen. Lorenzo war sehr aufgeregt und ich konnte die ganze Szene gar nicht begreifen. Was ist das für eine Tierliebe?

Was haben wir durch unseren Aufenthalt gelernt? Dass die italienische Tierliebe eine andere als die deutsche ist. Hier ist der Hund noch Hund und kein Familienmitglied (natürlich gibt es Ausnahmen). Der Umfang der medizinischen Betreuung, den die Besitzer ihren Tieren zukommen lassen, entspricht meist nicht der in Deutschland. Vielen Italienern fällt es „leichter“, sich von ihrem Tier zu trennen.

Wir jedenfalls sehen Italien jetzt aus anderen Augen und überlegen sehr wohl, wohin wir das nächste Mal in den Urlaub fahren…

Vielen lieben Dank an Doro und das Lega Pro Animale - Team, dass wir diese Erfahrungen bei Euch machen durften!

Eure Lena, Patricia und Sabrina                                                                   Berlin, im Mai 2008

 

 Fenster schließen!